Tiefe Einblicke in die Geschichte der Sinti und Roma

Gedenktag zum Holocaust

Sinti und Roma sind seit Jahrhunderten Teil der europäischen Geschichte, Kultur und Gesellschaft. Ihre Herkunft reicht bis nach Nordindien zurück, ihre Kultur, Sprache und Traditionen prägen Europa bis heute. Dennoch wurden sie über Jahrhunderte hinweg ausgegrenzt, diskriminiert und verfolgt. Besonders im Nationalsozialismus erreichte diese Verfolgung einen grausamen Höhepunkt, als Hunderttausende Sinti und Roma entrechtet, deportiert und ermordet wurden. Trotz dieser Geschichte von Ausgrenzung und Gewalt haben Sinti und Roma ihre kulturelle Identität bewahrt. Sprache, Musik, Kunst und familiäre Strukturen spielen bis heute eine zentrale Rolle. In Deutschland sind Sinti und Roma seit 1995 als nationale Minderheit anerkannt, Vorurteile und Diskriminierung bestehen jedoch weiterhin.

In unserer Schulprävention, die von Lehrerin Carmen Gerspach organisiert wurde, erfuhren wir, wie wichtig es ist, dass auch wir heute darüber informiert werden und selbst dafür sorgen, dass die Geschichte nicht vergessen wird.

Zum Holocaust-Gedenktag fand am 28. Januar für alle neunten Klassen eine Infoveranstaltung statt. Dazu kamen Magdelena Guttenberger aus Ravensburg und Pfarrer Dr. Andreas Hoffmann-Richter, beide aus dem Verband deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg, an unsere Schule: durch eine Präsentation, Veranschaulichungen und persönliche Geschichten wurde uns aufgezeigt, dass das Leben der beiden Volksgruppen auch heute noch schwer von den Ereignissen der Vergangenheit gezeichnet ist.

Seit Jahrhunderten bezeichnet die sich in Deutschland alteingesessene Minderheit selbst als „Sinti“ oder „Roma“. Auch die Fremdbezeichnung „Zigeuner“ wird häufig verwendet, wobei die meisten, wozu auch ich gehört habe, sich nicht im Klaren darüber sind, dass dieser Begriff diskriminierend ist.

Aber nicht nur bei der Bezeichnung beginnt die Diskriminierung, sondern auch schon bei der persönlichen Vorstellung. Herr Hoffman-Richter hat uns ein Video aus dem Jahr 2015 gezeigt, in dem mehrere Personen befragt wurden, was sie sich unter einem Sinti oder einem Roma vorstellen, bzw. welchen Beruf ein Mensch dieser Personengruppen ausüben könnte. „Die wohnen doch in Wohnwagen, sind Betrüger und Diebe. Das ist ein fahrendes Volk und die sind doch in der Werkstatt tätig“. Dass diese Ansichten weitläufig sind, erkennen wir, da wir im Video keine positiven Darstellungen zu den Sinti und Roma bekommen. Aber woher stammen diese Vorurteile?

Ursprünglich stammen die Sinti und Roma aus Indien, was sprachwissenschaftlich und genetisch nachgewiesen wurde. Erstmalig in Deutschland werden sie 1407 in Hildesheim erwähnt. Sie lebten friedlich zusammen mit den Deutschen. Doch 1498 kam es zu falschen Anschuldigungen gegenüber den Sinti und Roma, sodass diese aus vielen Regionen vertrieben und für vogelfrei erklärt wurden.

Der Beschluss des Reichstags zu Freiburg 1498 fußte auf Gerüchten und Vorurteilen des Volkes. In der aufgeheizten Atmosphäre des späten 15. Jahrhunderts wurden Sinti und Roma fälschlicherweise beschuldigt, Spione der Türken zu sein. Ein weiterer Grund war es auch, dass Sinti und Roma als „fremd“ und „anders“ stigmatisiert worden sind und Vorurteile herumerzählt worden sind, die sich bis heute gehalten und tief in das gesellschaftliche Gedächtnis gefressen haben. Dies sind die zwei häufigsten Gründe, die unter den Begriff Antiziganismus zusammengefasst werden können: Eine spezifische Form des Rassismus, der sich gegen Sinti und Roma sowie andere als „Zigeuner“ stigmatisierte Gruppen richtet.

Nach dem Beschluss des Reichstags zu Freiburg war für die Sinti und Roma ein ständiges Weiterziehen überlebenswichtig. Sie wurden nirgends aufgenommen und durften aufgrund mittelalterlicher Edikte auch keine „zünftigen“ Berufe ausüben. Das heißt sie waren auf das Herumreisen mit Wohnwägen und handwerkliche sowie künstlerische Berufe angewiesen, um ihr Überleben zu sichern. So entstand das Bild, das – wie im Video zu sehen – auch heute noch in den Köpfen der Menschen herumspukt.

Den Höhepunkt der Verfolgung fand sich im Nationalsozialismus. Wie Juden und andere Minderheiten, wurden sie geächtet und getötet. Frau Gutenberg habe diese Zeit geprägt. Ihre Schwiegermutter war in Auschwitz und hatte das ganze Ausmaß der Grausamkeit mitbekommen.

Sie erzählte uns, wie ihre Schwiegermutter und deren Sohn nach Auschwitz gebracht wurden. Beide wussten nicht, was genau sie erwarten würde, niemand wusste es damals so richtig. Die Menschen sollten sich in Reihen aufstellen und ein Teil der Masse wurde von den Nazis auf Ladeflächen von nebenstehenden Trucks gezerrt. Auch ihr Sohn gehörte dazu, ein junges Kind. Er wollte nur zurück zu seiner Mutter. Bei dem Versuch zu ihr zu kommen wurde er erschossen. Ein Menschenleben wurde grundlos aus dem Leben gerissen. Die Mutter selbst wurde aufgrund ihres Berufs der Erzieherin mit anderen Frauen als Pflegerin von Kindern eingesetzt. Frau Gutenberg berichtete, wie in den Händen ihrer Schwiegermutter im Minutentakt Kinder starben, das Leben aus ihnen wich. Abends, taub durch das Leid und die Grausamkeit, wärmten die Körper der toten Kinder die noch Lebenden. Bis heute quälen diese traumatischen Erlebnisse die Überlebenden aus den Konzentrationslagern. Taten, die nicht ungeschehen gemacht werden können.

Erst seit 1995 zählen Sinti und Roma offiziell zu den nationalen Minderheiten, denen immer noch oder wieder mit viel Ablehnung begegnet wird. 18 Jahre später, am 28. November 2013, wurde der Staatsvertrag unterzeichnet, der das Bekenntnis zur Anerkennung der baden-württembergischen Sinti und Roma und eine verbindliche Förderung der Minderheit enthält. Aber selbst ein Vertrag macht nicht die Jahre der Ungerechtigkeit und des Hasses rückgängig. Kultur, Sprache und Menschen litten unter den Jahren der Vorurteile.

Dabei bringt die Kultur der Sinti und Roma viele weitreichende Facetten mit sich. Träger der sozialen Organisation und kulturellen Überlieferung ist die Familie. Die kulturelle Identität zeigt sich vor allem in der eigenen Sprache (Romanes), den Erfahrungen der jahrhundertelangen Verfolgung sowie in den künstlerischen und musikalischen Fähigkeiten in der Kupfer- und Goldschmiedekunst und im Instrumentenbau oder in Steinmetzarbeiten.

Die indogermanische Sprache Romanes gehört den Sinti und Roma an, sie gilt als die am meisten gesprochene Minderheitensprache in Europa und wird von Generation zu Generation mündlich überliefert. Frau Gutenberg gab uns eine kleine Vorstellung der melodisch ausdrucksstarken Sprache.

Aber nicht nur die Sprache ist ein großer Teil der Kultur, sondern auch die Geschichten, die sich die Sinti und Roma erzählen. Viele wissen nicht, dass große Teile der deutschen Märchenkultur ursprünglich von den Sinti und Roma abstammen. Ein Großteil dieser Kultur ist durch die Ermordung ganzer Generationen jedoch zerstört worden. Eine weitere bewundernswerte Facette ist die Theater- und Film-Kultur. Alte Gerüchte und Hassreden versuchten diese wunderbare Kultur in Deutschland auszulöschen, was zum Glück nicht gänzlich gelang.

Auch heute noch leiden Sinti und Roma unter den Folgen der Vergangenheit. Wir dürfen nicht vergessen, welches Leid diesen Menschen angetan wurde. Heute müssen wir sie unterstützen, ihnen zeigen, dass wir mehr als die Vergangenheit sind und dazu gelernt haben. Denn jeder Mensch, unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Glauben, hat das Recht in Frieden und friedvoll zu leben und derjenige sein zu dürfen, der er ist. Wir haben uns als Gesellschaft weiterentwickelt, dennoch sind alte Vorurteile noch tief in unser Denken verankert. Doch durch Projekte, wie die Präsentation durch Frau Gutenberg und Herrn Hoffman-Richter können wir dazulernen. Jetzt sind wir diejenigen, die wissen, was passiert ist und können dazu beitragen, dass Sinti und Roma immer Teil unserer Gesellschaft bleiben.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Frau Gutenberg und Herrn Hoffman-Richter für die lehrreichen Stunden über die Sinti und Roma. Die empathischen Erzählungen ließen uns tief in die Geschichte eintauchen und bleiben ins uns haften.

Bericht & Fotos: Julia Keppler & Maya Zillhardt (beide 9d) PAG